Zu den Arbeiten von Rosy Beyelschmidt

Die Fotografien von Rosy Beyelschmidt erschließen sich nicht auf den ersten flüchtigen Blick. Dabei haben wir gerade durch die fotografischen Medien gelernt, Wirklichkeit und Information über Bilder aufzunehmen. Das Sehen hat sich durch Fotografie und dann vor allem den Film erheblich verändert. Das Auge nimmt schnell die wichtigsten Bildinformationen auf. Der Film verlangt die schnelle Wahrnehmung, da die nächste Szene, der nächste Schnitt wieder eine neue Situation präsentiert, die optisch erfaßt werden muß. Die gesamte öffentliche Kommunikation hat sich auf dieses Phänomen eingestellt: In der Politik sind die richtigen Bilder und die symbolischen Handlungen fast wichtiger geworden als Texte, Erklärungen und Worte; in Vorträgen und Zeitschriften werden Informationen zunehmend über Schaubilder und Grafiken vermittelt. Die genaue Betrachtung der Fotografie, ihre künstlerischen Mittel, Komposition, Aufbau, Lichtführung und die Abstufung der Farb- und Grauwerte bleiben beim raschen Blick aufs Bild auf der Strecke.

Gerade dieses scheinbar so objektive Informationsmedium Fotografie präsentiert Rosy Beyelschmidt auf eine ganz andere Art und Weise. Ihre Bilder entziehen sich dem raschen Zugriff, verlangen Augenarbeit - ein intensives Einsehen und Suchen nach dem, was auf diesen Fotografien eigentlich dargestellt ist, wovon sie Abbilder sind.

Rosy Beyelschmidt verweigert sich dem oberflächlichen Realismus der Fotografie. Sie stellt Menschen dar, aber sie präsentiert nicht ihre Oberfläche und ihr realistisches Spiegelbild in der Porträtfotografie. Zugleich hält sie sich von modischen Effekten des Spiels mit Unschärfe und einer Ästhetik der Häßlichkeit fern. Ihre Arbeiten sind hochartifiziell komponierte Zugangsweisen zu ihrem Gegenstand, zu den Personen ihrer Fotografien, die als Ergebnis eines langen Prozesses hier ausgestellt sind. Das Prozeßhafte der Bildentsstehung soll in den Exponaten erkennbar bleiben.

Ausgangsmaterial sind vorgefundene und eigene Fotografien, die verfremdet werden. Dies geschieht durch erneutes Abfotografieren, Übereinanderprojektionen über Epidiaskop, Doppelbelichtungen und anderes mehr. Dabei nimmt sie eine Selektion von Bildelementen vor, die den Bildinhalt auf das ihr Wichtige reduzieren und konzentriert. An einer Frau im Altenheim fiel ihr besonders die feingliedrige und jede Ader darstellende Hand auf. Dazu eine Zeitung, die auf dem Tisch lag, ein Hinweis für die Kommunikation dieser Frau mit Welt und Außenwelt in ihrer Heimsituation. Diese Elemente - die Hand, der Tisch und die Zeitung, werden in der endgültigen Fotografie kombiniert. Die Neuorganisation dieser Bildelemente ergibt das Bild in einer Aussage, die anders und zugleich tiefer ist als das realistische Foto der Frau im Altenheim. Die Motive treten in einen neuen Zusammenhang des Wichtigen.

In unserer Ausstellung sind eine Fülle solcher Fotografien zu sehen. Es entsteht ein Mix von Motiven, von ausgewählten Bildinformationen, die eine Symbolisierung der einzelnen Elemente zur Folge hat. Die Neukombination konzentriert den Blick auf diese Elemente und unterstreicht die subjektive Sicht der Künstlerin auf ihr Motiv.

Rosy Beyelschmidt arbeitet ausschließlich mit Schwarz-Weiß-Fotografie. Die Reduktion auf Schwarz, Weiß und die fast unendliche Fülle von Grau-Abstufungen dazwischen ist für sie die Konzentration auf grundlegende Bildqualitäten in den differenzierten Abstufungen des Lichts, der Kontraste und der Komposition.

Die Absicht der Künstlerin ist es, in die Tiefe dessen zu dringen, was sie darstellen möchte. Sie möchte sensibilisieren und aufmerksam machen, im Fremden auch das Eigene entdecken zu lassen.

Diese Bilder verlangen vom Betrachter zunächst die intensive Auseinandersetzung mit dem, was man sieht, sie verlangen Sehleistungen erheblicher Art. Erst über ein längeres Suchen und Einsehen erschließen sich die Bildinhalte, wird deutlich, was zu sehen ist. Auf einmal entdeckt man einen Schlüssel als zentrales Bildmotiv; Füße auf einer Straße, Beine und Hände, Teile eines Körpers, die auf einen Menschen verweisen, der mit dem Bild gemeint ist. Fängt man an, sich in diese Bilder hineinzuversetzen, dann kann man Geschichten erfinden, sich vorstellen, wer in weichen Situationen für diese Aufnahmen Ausgangspunkt gewesen ist.

Anders als die klassische Porträtfotografie zeigen die Bilder eher das Innenleben von typischen Figuren. Das Allgemeine ihrer Person ermöglicht Selbstidentifikationen. Die auf Einsamkeit, Verlassenheit, Unsicherheit hinweisenden Momente in den Bildern regen vielleicht zur Reflexion über eigene ähnliche Erfahrungen an. Die Bilder veranlassen ebenso das Wiederfinden des Eigenen wie das behutsame Einfühlen in den anderen. Der langsame, fast angestrengte Prozeß des Sehens läßt sich auf die Erfahrung von Menschen übertragen. Die Wahrnehmung des anderen verlangt ruhiges Zugehen, die behutsame Frage, was hinter der Fassade, hinter dem Schein verborgen liegt. Ganz anders als etwa in der Werbung will Rosy Beyelschmidt gerade hinter die Maske blicken, den Menschen zeigen, wie er Gefährdeter, Leidender und Glücklicher ist.

Rosy Beyelschmidts Weg zu dieser Art von Fotografie, mit der sie heute erfolgreich ist - ihre Arbeiten sind beispielsweise in der ständigen Ausstellung des Museum Ludwig in Köln zu sehen - hat eine innere Logik. Studiert hatte sie bei dem mit gesellschaftskritischen Radierungen bekannt gewordenen P. Sovak in Köln. Zunächst arbeitete sie mit Fotokopierern. An der "Copy-Art" reizte sie der flächige Aufbau, die differenzierten Kontrastwirkungen und vor allem das völlige Fehlen von Tiefenschärfe. Fotokopien von ihrem Gesicht etwa, das sie auf die Belichtungsplatte des Kopierers legte, zeigten trotz aller Verfremdung und Veränderung nur das, was unmittelbar auf der Scheibe vorlag. Sie arbeitete diese Blätter zeichnerisch nach, um den Ausdruck zu unterstreichen oder zu intensivieren. In der Fotografie intensiviert sie diesen Prozeß dadurch, daß sie sich einen "Lichtraum" schafft, in dem sie agiert und unterschiedliche Lichtquellen organisiert. "Ich schaffe mir Szenarien, in denen ich die verschiedenen Bildwerfer mit genau festgelegten Bildmaterialien bestücke, sie aktionsgerecht projizieren lasse und mich dabei nach genau festgelegten Konzepten im Raum bewege. Durch Bewegung und Stillstand, durch die dauernde Wiederholung der Aktionen wird mein Körper zu einem abstrakt gewordenen, vergessenen Gebilde, das von pausenlos einwirkenden Lichtbildern ganz oder nur fragmentarisch erfaßt oder gar vom Licht förmlich aufgesogen wird, nicht mehr wahrnehmbar, nur noch erahnbar."

Die Studien mit dem eigenen Gesicht waren wie diese Art der Fotoarbeit radikale Selbstbefragungen, weil ihr das eigene Abbild, sie sich selbst, fremd wurde. Von hierher ist ihr Weg zu den Arbeiten mit Bildern anderer Personen und Menschen gegangen. In diesen Vexier- und Suchbildern, in diesen Schwarz-Weiß-Kompositionen und rätselhaften Bildelementen stellt sie die Frage nach der Abbildbarkeit des Menschen und damit die Frage nach der Wahrheit der Fotografie und des Bildes überhaupt.

Die gezeigten Arbeiten stammen aus den Jahren 1994 bis 1998. Unsere Ausstellung zeigt neben den Fotoarbeiten eine ihrer Videoinstallationen. Während ihre Fotografien alle nicht betitelt sind, trägt die Videoinstallation den Titel "Vom dreyfachen Leben". Er bezieht sich auf einen Text des Mystikers Jacob Böhme. Man sieht eine alte, hohe, gedrechselte Eichensäule und ein aus drei übereinander hochkant gestellten Monitoren gebildeter Pfeiler. Auf dem Bildschirm ist zu einem monotonen, hart rhythmisch gegliederten Geräusch der Kopf eines Pferdes zu sehen, dessen blutig rote Zunge groß ins Bild tritt. Der Blick auf das verendende Tier wird überlagert von kaum erkennbaren schnellen Bewegungen eines Reiters auf seinem Pferd, der in Abständen sich über das Bild des leidenden Tieres schiebt. Die kurze Sequenz wird zu einem Sinnbild des Lebens: Die Hetze des Getrieben-, "Geritten"-Seins eines sich stetig beschleunigenden Lebens im Kontrast zu Leid und Tod, zur Endlichkeit. Daneben die Säule wie ein mächtiger Wächter oder auch als ein Sinnbild der Verbindung von oben und unten. Der Text, den sie zu dieser Installation aus Jacob Böhmes Schrift zitiert, lautet:

"Nun stehet (... ) der Mensch in Mitten,
als zwischen Gottes und des Höllen Reich,
als zwischen Liebe und Zorn;
welches Geist er sich nun aneignet,
des ist er."

Daß mit diesen Reflexionen über das Leben und den Tod, mit diesen Fragen über den Betrachter und den anderen, über den Menschen und sein Leben überhaupt, auch religiöse Fragen angesprochen sind, das bedarf keiner weiteren Erläuterung, kann aber Anlaß zu weiterem Nachdenken sein.

Münster, 10. März 1998

© Thomas Sternberg - FRANZ HITZE HAUS


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