Rosy Beyelschmidt - Moloch Alltag*

Rosy Beyelschmidts Kunst und ihr Lebenslauf stehen in enger Verbindung. Ihr eigener Überlebenskampf floss dabei in ihre Arbeit ein und prägte ihre Themen. Ihre völlig verfremdeten Selbstporträts mittels Photocopie - eigentlich der Inbegriff des getreuen Abbildes - stellen innere Zustände dar, psychische Verletzungen und Empfindungen. Dabei schlüpft sie in stets neue Rollen, begibt sich in unterschiedlichste Situationen und verarbeitet die auf dem Kopierer entstandenen Bilder mitunter weiter zu großformatigen Fotoarbeiten, später sogar zu Rauminstallationen. Mit dem Ende der 80er Jahre kam das Medium Video hinzu, das ihr erlaubte, den Aspekt der Zeit in ihrer Arbeit einzubringen.

In den Videoarbeiten wird die Isolation, die Einsamkeit des Menschen in Bezug gesetzt zu alltäglichen Gegebenheiten und Notwendigkeiten. Kommunikation verkommt zu einem absurden Dialog der Dinge, die Bewältigung des Alltags führt ins Chaos, in die Sinnlosigkeit, in der die ursprünglich agierende Hauptperson zum Opfer der Dinge, selbst zum Ding wird. Auch wenn sie selbst die Agierende ist, meint sie den Menschen allgemein, möglicherweise ein wenig mehr die Frau, mit der die Identifikation leichter fällt. Doch ihre Arbeiten belegen gleichzeitig, dass die Absurdität dieses Theaters nicht zum Aufgeben führt, dass stattdessen das Spiel weitergeführt wird: das Leben als absurdes Theater des Alltags.

Rosy Beyelschmidts Arbeiten sind nicht analytisch, sondern deskriptiv. Sie beobachtet und untersucht die Welt um sich herum und die Reaktionen und Empfindungen in sich selbst und setzt beides miteinander in Beziehung, legt Zusammenhänge offen. Bei der Durchsicht ihrer Arbeiten ist man geneigt, festzustellen, dass Rosy Beyelschmidt offensichtlich nicht nach Antworten sucht, da es für den Künstler Aufgabe genug ist, die Komplexität der Fragestellungen zu sichten und miteinander in Beziehung zu setzen. In diesem Moment, so geht insbesondere aus ihren Videoarbeiten hervor, liegen die Ansätze möglicher Antworten jedoch bereits verborgen.

Gerade die Medienkunst erweist sich als geeignet, Abbilder des Realen mit Imagination zu verknüpfen, um Empfindungen, Gefühle und Ängste, die sie auslösen, sichtbar machen zu können. In Ihren Copyarbeiten und Videos schlagen innere Deformationen in äußere um, wird transparent, was die gekonnte Fassade unseres Lifestyles und des eingeübten Keep smiling gewöhnlich verdecken. Hinter eingeübten Handlungen lugt so in ihren Filmen die Unbeholfenheit hervor, die Eindeutigkeit funktionaler Zuordnungen im alltäglichen Leben wird fragwürdig und teilweise deplatziert. Rosy Beyelschmidt entlarvt selbstverständliche Handlungen, unsere alltägliche Umgebung als Aneinanderreihung sinnloser und inhaltsleerer Rituale, die sich in ihrer Funktionalität unversehens in ihr Gegenteil verwandeln können.

Dr. Reinhold Mißelbeck ©
Leiter der Foto- und Videosammlung am Museum Ludwig, Köln

* Auszug aus der Laudatio von Dr. Reinhold Mißelbeck, Leiter der Foto- und Videosammlung am Museum Ludwig, zur Verleihung des Chargesheimer Stipendiums der Stadt Köln, 1995.


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